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Welternährung – was kann der Ökolandbau?
Im Rahmen der diesjährigen DLG Wintertagung in Münster befasste sich ein Forum mit der Frage, was der ökologische Landbau zur Sicherung der Welternährung beitragen kann. Dr. Karl Kempkens, Landwirtschaftskammer NRW war für die LZ dabei.
Foren zum ökologischen Landbau finden bei DLG-Tagungen meist kaum Interesse. In diesem Jahr war dies anders. Über 200 Besucher interessierte, ob und was der Ökolandbau zur Welternährung beitragen kann. Zunächst gab Frau Dr. Beate Huber vom Schweizer Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FiBL), einem der führenden Forschungsinstitute in diesem Bereich, einen Überblick über den weltweiten Ökolandbau.
Dabei machte sie, wie auch alle anderen Fachleute eine wichtige Einschränkung: Weltweit werden nur die Betriebe und Flächen unter dem Begriff „Ökolandbau“ zusammengefasst, die sich zertifizieren lassen und das sind nur die Betriebe, die für den externen Markt produzieren und ihre Erzeugnisse als Ökoprodukte verkaufen wollen. Wer keine Ökoprodukte verkauft, benötigt auch keine Zertifizierung und wer keine Zertifizierung hat, wird nicht als Ökobetrieb anerkannt. Die Experten gingen davon aus, dass dies weltweit eine große Zahl von Erzeugern betrifft.
91 % der Ökoackerflächen in Europa und Nordamerika
Weltweit werden 37,2 Mio ha ökologisch bewirtschaftet, sind also entsprechend zertifiziert. Davon liegen rd. 56 Prozent in Ozeanien und Südamerika. Dort handelt es sich aber fast ausschließlich um Grünlandflächen (95 Prozent). 91 Prozent der weltweiten Öko-Ackerflächen liegen in Europa und Nordamerika. In diesen beiden Erdteilen finden sich auch die größten Marktanteile für Bioprodukte, nämlich 96 Prozent.
Die Dritt- und Schwellenländer haben einen Anteil von rd. 35 Prozent der weltweiten Ökoflächen. Dort werden in der Regel Exportprodukte für die Biomärkte in Europa und den USA produziert, vor allem Kaffee, Kakao, Bananen, Gewürze. Dr. Huber stellte heraus, dass dort Bioerzeugung in sehr vielen Fällen durch Kleinbauern oder Kooperativen stattfindet und damit eine regionale Wertschöpfung zur Steigerung des Lebensstandards erzielt wird. Immer häufiger handele es sich bei dieser Ökoerzeugung um Fairtrade-Produzenten, so dass die Wertschöpfung in der Region bleibe.
Für die Frage, inwieweit der Ökolandbau zur Welternährung beitragen kann, stellte die Referentin Langzeituntersuchungen in unterschiedlichen Regionen der Welt vor, in denen konventionelle - traditionelle Landwirtschaft mit einer ökologischen Anbauweise verglichen werden. Unter anderen finden Anbauversuche in Kenia zu Mais und Gemüse sowie in Indien zu Baumwolle, Soja und Weizen statt. Da die Versuche noch nicht hinreichend lange laufen, konnte Dr. Huber noch keine abschließenden Ergebnisse präsentieren. Dennoch scheine sich abzuzeichnen, dass, vorsichtig formuliert, keine gravierenden Mindererträge zu erwarten seien. Insbesondere beim Sojaanbau wurden bislang vergleichbare Erträge erzielt.
Ökologische Wirtschaftsweise fördert Bodenfruchtbarkeit
Allen Versuchen, auch denjenigen in Europa, scheint aber gemein zu sein, dass sich durch die ökologische Wirtschaftsweise die Bodenfruchtbarkeit verbessern lässt und dass es sich um eine sehr energie- und betriebsmitteleffiziente Bewirtschaftungsform handelt. Dies, so Dr. Huber, sei wohl auch ein wesentlicher Grund dafür, dass weltweit beachtete Berichte wie der UNCTAD-Bericht 2009 (United Nations Conference on Trade and Development) oder der UNEP-Bericht in 2011 (United Nations Environment Program) konstatieren: Ökologische bzw. grüne Landwirtschaft können im Vergleich zur traditionellen Landwirtschaft deutliche Ertragssteigerungen bewirken und zu einer nachhaltigen Welternährung beitragen. Wichtig sei es, so die Referentin, sich von der Vorstellung der intensiven europäischen Landwirtschaft zu lösen und zu erkennen, dass die traditionelle Landwirtschaft in vielen Regionen der Welt in vielerlei Hinsicht Optimierungspotential beinhalte.
Hunger hat viele Ursachen
Auf die besonderen Bedingungen in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern ging der zweite Referent, Dr. Stephan Krall von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Eschborn ein. Der Referent, der viele Entwicklungs- und Schwellenländer selbst kennen gelernt hat, skizzierte die grundlegenden Probleme der Welternährung: Immer mehr Menschen müssen von immer weniger Fläche unter immer trockeneren, wärmeren Verhältnissen ernährt werden. Gleichwohl verwies er aber auch darauf, dass es in vielen Regionen bislang kaum Technisierung gibt. Dass es derzeit über 1 Mrd. hungernde Menschen auf der Erde gebe, sei zwar auch eine Frage, welches Landwirtschaftssystem vorherrsche, habe aber seine Ursachen in Verteilung, Kriegen und sozialen Konflikten und in der Agrarpolitik.
Leitlinien zur Welternährung
Die GIZ hat für eine Sicherung der Welternährung folgende Leitlinien aufgestellt:
- Einführung einer nachhaltigen Landwirtschaft („Food first“), also Vorrang der Lebensmittelerzeugung vor Energie o.a.
- Entkoppelung der Erzeugung vom Ressourcenverbrauch („Green Economy“)
- nachhaltige Intensivierung der Agrarwirtschaft („grow more from less“).
Diese Leitlinien, so Dr. Krall, machen sehr schnell deutlich, dass die intensive europäische Landwirtschaft mit ihrem hohen externen Betriebsmitteleinsatz keine Lösung für Entwicklungs- und Schwellenländer darstelt. Ökologische Wirtschaftsweisen könnten insbesondere in Ländern mit einer sehr ertragsarmen traditionellen Landwirtschaft zu deutlichen Produktionssteigerungen bei gleichzeitigem Erhalt der Bodenfruchtbarkeit beitragen. Aber, so Dr. Krall, die ökologische Wirtschaftsweise sei sehr wissensintensiv, was in vielen Regionen schwierig umzusetzen sei.
Potential und Grenzen des Ökolandbaus
Abschließend sprach Peter Grosch zum Thema "Potenziale und Grenzen der weltweiten Ökoproduktion". Grosch ist als Geschäftsführer der weltweit agierenden Öko-Kontrollstelle BCS Öko-Garantie GmbH mit der Zertifizierung von Bioproduzenten in aller Welt betraut. Grosch verwies noch deutlicher als die Vorredner darauf, dass man sich bitte lösen solle von der Vorstellung, dass die Frage der Landwirtschaftsform in Deutschland in unmittelbarem Zusammenhang mit der Welternährung stehe. Ob zukünftig 7 Mrd. Menschen ernährt werden können, das hänge von ganz anderen Faktoren ab.
„Wenn wir über Welternährung sprechen, dann reden wir doch nicht über unsere glücklichen europäischen Verhältnisse, sondern betrachten, was wir bei den Kleinbauern in den Entwicklungs- und Schwellenländern, die immerhin 70 % aller Erzeuger weltweit ausmachen, erreichen können“, so Grosch wörtlich. Und noch eins sei ihm wichtig: Landwirtschaft sei eben nicht nur Produktion, sondern habe auch gesellschaftliche Aufgaben, die eben auch über eine langfristige Welternährung mitentscheiden. Dies seien u.a. Aspekte wie Biodiversität, CO2-Speicherung im Boden (Humus), sauberes Wasser, Erhalt ländlicher Strukturen und vieles mehr.
Das, so Grosch, könnte, sollte und müsste durchaus einhergehen mit einer „ökologischen Intensivierung“ in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Er zitierte dazu Markus Arbenz, Geschäftsführer der IFOAM: „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel – zu einer Strategie, die auf Produktionssysteme baut, die sich die Armen leisten können. Sie nutzen auf intelligente Weise die Vielfalt der Natur und Lösungen, die sich bieten. Sie berücksichtigt die Verschiedenheit der Kulturen und nutzt deren Kenntnisse und praktische Erfahrungen als Hebel“.
Foodcrash - ein Lösungsansatz
Einen Lösungsansatz zitierte Grosch aus dem neu erschienenen Buch "Foodcrash" von Felix zu Löwenstein: Agroökologie. Damit meine Löwenstein, dass es im Kern um eine Prioritätensetzung gehe, die sich von unserer europäischen löst. In erster Linie gehe es um die Ernährung der Familie und der Menschen vor Ort. Der europäische Blickwinkel beinhalte zu oft eine landwirtschaftliche Erzeugung für den Markt. Zwei Drittel der weltweit hungernden Menschen, so Grosch, lebten aber auf dem Lande. Insofern sei es essentiell, Nahrungsmittel für diese Menschen in den Regionen, in denen sie leben zu erzeugen.
In diesem Zusammenhang zeigte Grosch auch auf, dass in den unterentwickelten Ländern 10-30 % der geernteten Menge durch Schädlingsfraß, Pilzbefall oder Feuchtigkeit verloren gingen. Diese extrem hohen Nachernteverluste seien ausschließlich auf fehlendes Wissen und nicht verfügbare Technik zurückzuführen. In zweiter Priorität gehe es um die Ernährung der Nutztiere vor Ort und schließlich, in dritter Priorität gehe es um die Ernährung des Bodens.
Letzteres werde aber in den ärmsten Regionen dieser Welt gar nicht erst erkannt. Eine Rückführung organischer Masse auf die Flächen beispielsweise würde es in vielen unterentwickelten Staaten nicht geben. Der Boden als Grundlage unserer Existenz, das hätten heute nur die weit entwickelten Staaten begriffen, wobei auch diese in den vergangenen Jahrhunderten unzählige Flächen durch Erosion, Übersalzung und falsche Bewirtschaftung verloren hätten.
Grosch stellte fest, dass mittlerweile immer mehr weltweit agierende staatlich getragene Organisationen die Sichtweise einer ökologischen Intensivierung teilen und unterstützen: Der Weltagrarrat habe mit dem Weltagrarbericht 2008 ein erstes Ausrufezeichen gesetzt, aber weitere UN Gremien (UNEP, UNCTAD) und auch immer mehr Studien aus Wissenschaft und Wirtschaft würden dieser Linie folgen. All diese Studien, so Grosch zum Abschluss wiederholend, seien keine Bewertung hiesiger Anbausysteme, sondern würden dem Ziel einer Sicherung der Welternährung dienen.
Zusammenfassend lässt sich sagen:
- Die Frage der Welternährung wird nicht in Deutschland und Europa entschieden. Damit ist es für die Welternährung auch nicht entscheidend, ob und wie viele Produzenten in Deutschland ökologisch oder konventionell produzieren. Für eine Entscheidung der Wirtschaftsweise in Deutschland sind andere Faktoren wichtig: Der Markt, die Nachhaltigkeit, die Wirtschaftlichkeit etc.
- Bereits heute müsste kein Mensch hungern, wenn die größten Defizite ausgeglichen würden: Verteilung der Nahrungsmittel weltweit, Verringerung der Nachernteverluste in Dritt- und Schwellenländern, Verringerung der Vernichtung von Lebensmittel, Nutzung auch der zahlreichen bislang nicht bewirtschafteten Flächen, Ertragssteigerungen in Dritt- und Schwellenländern.
- Alle Experten waren sich einig, dass es nicht um die Frage geht, ob weltweit ökologisch oder anders produziert wird. Viel entscheidender sei es, an den verschiedenen Standorten standortangepasst eine nachhaltige und damit langfristig ertragssichernde und ertragssteigernde Erzeugung zu etablieren. „Ökologische Intensivierung“, so alle drei Referenten, sei der wichtigste Lösungsansatz zur Sicherung der Welternährung.
Quelle: LZ Rheinland Ausgabe 3, 19. Januar 2012
