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Biomarkt in Fahrt
Es ist schon eigentümlich: Da klettern die Pachtpreise in zum Teil schwindelerregende Höhen, weil auf immer mehr Flächen Erzeugnisse zur Energiegewinnung produziert werden. Gleichzeitig steigen die Rohstoffpreise und der Selbstversorgungsgrad mit Grundnahrungsmitteln sinkt, zum Teil gibt es Lücken bei der Inlandsproduktion. So melden etwa Agrarstatistiker, dass Deutschland den Eigenbedarf an Getreide im vergangenen Jahr erstmals seit Jahrzehnten nicht decken konnte.
Nun besteht kein Zweifel daran, dass in Zeiten knapper und immer teurer werdender Ressourcen das Thema nachwachsende Energierohstoffe zur Recht einen Großteil der Schlagzeilen bestimmt. Auch die zu Tage tretenden Probleme des Klimawandels treiben diesen Prozess voran. Die Konkurrenzsituation zwischen pflanzlichen Produkten, die wir buchstäblich verbrennen können und solchen, die unmittelbar der menschlichen Ernährung dienen, verschärft sich jedoch spürbar.
Wir befinden uns überdies mitten in einer Wertediskussion, in der die Frage nach dem Sinn der zum Teil hoch subventionierten Energieerzeugung auf ertragreichen Böden gegen die Versorgung mit sicheren und qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln gestellt wird. Im Schatten dieser Entwicklung findet darüber hinaus etwas statt, das völlig zu Unrecht als Randnotiz angesehen wird: Die seit Jahren steigende und nun erneut aufflammende Nachfrage nach Erzeugnissen aus ökologischer Erzeugung.
Biolebensmittel punkten
Immer mehr Verbraucher stellen die Frage nach der Herkunft Ihrer Lebensmittel. Gefragt sind vor allem Produkte, bei denen man auf der sicheren Seite sein kann. Rückstandsfreiheit, Transparenz in der Produktion und regionale Herkunft stehen dabei hoch im Kurs. Und hier können gerade die Biolebensmittel punkten, denn viele Biobauern setzen schon seit langem genau auf diese Karte. Gerade der regionale Bezug scheint ein ganz wichtiger Aspekt im Kaufverhalten der Verbraucher zu sein.
So zeigen jüngste Untersuchungen, dass gerade die Nachvollziehbarkeit und die Herkunft der Lebensmittel ausschlaggebend dafür sind, welche Produkte ein hohes Ansehen bei den Verbrauchern genießen. Und scheinbar können auch Krisen und Skandale dieser Entwicklung kaum etwas anhaben. Ob es nun die Finanzkrise ist, die die Käufer in ihrem Konsumverhalten verunsichert, die EHEC-Problematik, die im Frühjahr 2011 für erhebliche Einbrüche im Gemüsemarkt sorgte, oder immer wieder auftretende Lebensmittelskandale.
Bioprodukte sind und bleiben gefragt, immer mehr auch bei Käuferschichten, die nicht zu den Stammkunden der Bioläden und Biosupermärkten gehören. Hinzu kamen begünstigende Effekte, die nicht zu erwarten waren. So hat etwa der Dioxinskandal im Jahr 2010 der Bioszene ein kräftiges Umsatzplus beschert. Bioeier gingen zwischenzeitlich weg wie die warmen Semmeln. Die Biohühner kommen auch jetzt noch teilweise mit dem Eierlegen nicht nach.
Aufschwung im Naturkosthandel am stärksten
Motor dieses neuerlichen Aufschwungs am Biomarkt ist vor allem der Naturkosthandel. Alleine in den deutschlandweit knapp 3.000 Naturkostfachgeschäften wird mittlerweile ein Gesamtumsatz von ca. 1,8 Mrd. Euro gemacht und die Tendenz ist steigend. Neue Biosupermärkte werden eröffnet, die Verkaufsflächen solcher Geschäfte nehmen stetig zu und auch bestehende Läden bauen Schritt für Schritt ihr Angebot aus.
Selbst die zuletzt schwächelnden landwirtschaftlichen Hofläden erfahren erneut einen messbaren Zuspruch. Für die ersten drei Quartale in 2011 meldet das Branchenbarometer ein Umsatzwachstum von 14 Prozent gegenüber 2010 über alle Bereiche. Das sind Umsatzzahlen, von denen der restliche Lebensmittelhandel nur träumen kann. Dort bewegten sich die Zuwächse, soweit sie überhaupt zu verzeichnen waren, eher im niedrigen einstelligen Bereich.
Bio-Wachstum - auch in konventionellen Supermärkten
Aber auch im konventionellen Lebensmitteleinzelhandel sind Bioprodukte wieder auf Wachstumskurs. So weiß etwa das Marktforschungsunternehmen Nielsen Company GmbH zu berichten, dass in den ersten neun Monaten 2011 ein deutliches Umsatzplus von 9,5 Prozent und ein Absatzzuwachs von acht Prozent mit Biowaren erzielt wurde. Nielsen bestätigt, dass auch in den konventionellen Supermärkten Bioprodukte deutlich schneller wachsen als konventionelle Lebensmittel. Und es zeigt sich, dass unabhängig von branchenspezifischen Schwankungen, alle Betriebstypen vom Handel mit der Bioware profitieren. Die Marktforscher sprechen sogar wieder vom „Bio-Boom“, einer Vokabel, die in letzter Zeit eher verpönt war.
Heimische Bioproduktion hinkt hinterher
Die Absatzentwicklung von Bioerzeugnissen wächst also stetig und zum Teil deutlich. Mit anderen Worten: der Schnellzug „Bionachfrage“ hat erneut Fahrt aufgenommen. Aber was ist mit dem Angebot aus heimischer Produktion? Hier stellen wir leider fest, dass es sich eher um einen Bummelzug „Bioangebot“ handelt, der nur langsam hinterher zockelt, zu gemächlich wie es scheint.
Zwar ist Deutschland ist nicht nur der größte Absatzmarkt, sondern auch größter Produzent von Bio-Produkten in Europa. Und Nordrhein-Westfalen spielt dabei eine ganz zentrale Rolle, denn hier leben sehr viele Konsumenten. Außerdem ist NRW im Hinblick auf die notwendigen Vermarktungsstrukturen sehr gut aufgestellt. Über 1.200 Verarbeiter und einige hundert Vermarkter von Bioerzeugnissen sind in NRW zuhause. Darüber hinaus haben auch die Großen des Lebensmitteleinzelhandels, also z. B. REWE, Edeka, Aldi ihren Sitz in NRW.
Dennoch hat der deutsche Handel im Wirtschaftsjahr 2009/2010 erhebliche Mengen der abgesetzten Produkte, die auch von hiesigen Erzeugern hätten produziert werden können, importiert. Erst vor kurzem zeigte eine entsprechende Untersuchung, die im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministerium durchgeführt wurde, dass beispielsweise bei Biomöhren der Importanteil bei etwa 40 % liegt, was einer Produktionsmenge von 45 -50.000 to entspricht. Bei Äpfeln in Bioqualität, der wichtigsten inländischen Obstart, liegt der Importanteil sogar bei ca. 60 % was mit einer Produktionsmenge von ca. 30-35.000 to gleich zu setzen ist. In wichtigen Produktionsbereichen des Obst- und Gemüseanbau, aber auch bei den klassischen landwirtschaftlichen Produkten wie Milch, Getreide, oder Kartoffeln nimmt der Importanteil in den letzten Jahren tendenziell zu.
Voraussetzungen für Bio in NRW bestens
Verpassen NRW-Landwirte also hier gerade eine Chance? Eigentlich stimmen doch die Standortvoraussetzungen in Nordrhein-Westfalen für die Bioproduktion. Es gibt zum Teil beste Böden, die einen hohen Grad an spezialisierter Pflanzenproduktion zulassen und auch in der Veredelung ist man hierzulande gut aufgestellt. Da ist es verwunderlich, dass nur so wenige Betriebe auf Ökolandbau umstellen.
Die Tatsachen, dass zurzeit auch in der konventionellen Produktion zum Teil gute Erzeugerpreise erzielt werden, mag eine Erklärung dafür sein, reicht aber für die Beschreibung der Lage alleine nicht aus. Insbesondere Betrieben, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht auf deutliches Mengen- und Flächenwachstum setzen können oder wollen, bietet der Ökolandbau eine echte Alternative.
Der Markt liegt, wie beschrieben, gerade in NRW buchstäblich vor der Haustür und der Wunsch der Kunden nach den Ökoprodukten ist offensichtlich. Deren Kaufverlangen nach heimischer Ware wird auch noch durch Meldungen befeuert, wie etwa der des jüngst aufgedeckten italienischen Öko-Betrugsfalles. Das ohnehin schon hohe Vertrauen der Kunden in die hiesige Biolandwirtschaft wird durch solche Nachrichten noch verstärkt. Und sowohl der spezialisierte Ökohandel als auch der Lebensmitteleinzelhandel suchen händeringend nach Erzeugern, die genau in dieses Schema passen: Sichere und rückstandsfreie Produkte aus nachvollziehbarer Produktion, am besten vom Bio-Bauernhof in der unmittelbaren Umgebung.
Quelle: Georg Pohl, Ökoteam Landwirtschaftskammer NRW, Tel.: 0221-5340-272, E-Mail: georg.pohl@lwk.nrw.de
